THE VEHICLE EFFECT
Zugegeben: Es grenzt ein wenig an „Fuck You All“ wenn man angesichts des Klimawandels kein E-Auto fährt. Oder? Ich weiß nicht so recht, denn irgendwie fühlt sich dieses „Fuck You All“ auch gut an. Sorry Gen-Z. Zumindest wenn das Auto nicht gerade in Sichtweite ist. Mein Auto hat jetzt nach fast zehn Jahren so manche Mängel. Es rostet, es regnet rein und bekommt nach und nach allerhand Altersschwächen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen baut sich zu diesem angehenden Schrotthaufen, in den ich allerhand investiert habe, eine gewisse Beziehung auf.
Autos sind für viele (wahrscheinlich hauptsächlich Männer) sowas wie ein Ausgleich. Sie lenken ab. Man fühlt sich irgendwie eins mit der Karre und wenn man das Glück hat, den richtigen Wagen gefunden zu haben, dann ja, dann liebt man es. Es ist Wegbegleiter, Gebrauchsgegenstand und auch wenn man es nicht gerne vor der weiblichen Welt zugeben will, ein Status Symbol. Autos definieren wer wir sind. Egal ob man in einem Dacia Logan sitzt oder einem 750er. Und doch: das Vehikel erzeugt ob man will oder nicht, irgendwo auch immer ein dem Ego schmeichelndes Fake-Image. Autos machen was aus dir. Mit dem passenden Outfit würde Elon Musk im Fiat Multipla den perfekten Kern-Assozialen abgeben. Der Wunsch das Traumauto endlich unter sich zu haben, die Vorstellung seine Hände über das Lenkrad zu streichen, den Gang einzulegen und die Beschleunigung zu spüren ist wohl für jeden von uns etwas ganz Besonderes.
Betrachtet man das Thema Auto aus Distanz und lässt sich nicht wie ein einfältiger Neandertaler von dem schönen, neuen glitzernden Gegenstand täuschen, werden dennoch paar sehr interessante Punkte deutlich. Natürlich sind diese Punkte für Auto-Kritiker sichtbarer als für Liebhaber. Beobachtet man Neuwagenbesitzer während der ersten Wochen beim Aufsagen des durch das neue Auto erlangte Lebensgefühl wird deutlich, dass eine gewisse Ambivalenz entsteht. Man sitzt in einem Boliden der an die 100k kostet und das Fahrerlebnis reduziert sich auf: Beschleunigen, Bremsen, Schalten, die Aussenkameras beim Einparken und die Soundanlage. Vielleicht noch das Lenkrad und der Ausstattungs-Schnick-Schnack aber das wars dann schon. Vom eigentlichen Auto, wie es aussieht wenn es fährt, bekommt man, ausser man fährt an langen Fensterfronten vorbei, nichts aber rein gar nichts mit.
Genau diese Trennung spürt man auch als Besitzer und Fahrer eines Neuwagens oder eines besonderen Autos, Traumautos. In meinem Fall, machte sich dieser Kontrast bemerkbar als ich festgestellt habe, dass die neidischen Blicke anderer nicht spurlos an mir vorbei zogen. Woraufhin die Frage laut wurde, wieso freuen sich die anderen Leute nicht für mich. Und plötzlich sitzt man da. In seinem neuen, eigentlich viel zu teuren, viel zu sinnlosen, viel zu lauten, Sprit verbrauchenden Auto das einem das Ego und die Eier schaukelt, während man sich vor sich selbst versucht zu rechtfertigen. „War das wirklich die richtige Entscheidung?“, „Ein Kleinwagen hätte es ja auch getan.“, „Steht ja eh die meiste Zeit rum.“ „Ist das Auto vielleicht doch zu groß?“. Alles Fragen die man aus rationaler Sicht so beantworten könnte, dass man kein einziges Argument für die Anschaffung finden würde. Wäre da nicht der Faktor Leben.
Und dann noch das Thema Kraftstoff. Uff. CO2 Fußabdruck. Kann man am Ende auch relativieren mit: “Ja aber aber aber die Anderen machen auch!”. Wirklich? Nein eben nicht. Also was bleibt? In der Stadt easy auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Am Land eher nicht wirklich sinnvoll umsetzbar. Also steht man wieder da und soll eine Entscheidung treffen. Fahren oder nicht fahren. Sich gut fühlen oder sich schlecht fühlen. Macht das Leben am Ende auch nicht leichter.
Wir alle haben Wünsche, Träume, Ziele. Wir sind Meister darin uns etwas vorzugaukeln. Ob Freitag Abends, wenn man als Frau die viel zu teure, absolut Sinnlose 600 Euro Handtasche ausführt oder als Mann sich eine Rolex aus dem Nachlass von irgendeinem verstorbenen Opa ans Handgelenk schnallt. Wir wollen uns belohnen. Wir wollen uns etwas „leisten“ um uns selbst sagen zu können „Das hast du dir verdient.“ Auch wenn es bedeutet, dass sich am eigentlichen Lebensstandard nur bedingt was ändert und man deswegen trotzdem immer noch Arbeiten muss um Geld zu verdienen. Wie alle anderen eben auch.
Aber was rede ich. Gott sei Dank gibt es die Hi-Fi Anlage von Bose, mit der man sich bis zum nächsten unsicheren Moment ablenken kann.
BY EX FOVEA LEONIS